
Das grüne Abenteuer weitete sich auf die Berge aus – Die Geburtsstunde der Grade VII-Kollektion
In den frühen 1990er Jahren erkannte man Halti-Produkte am gelben Herbstblatt im Logo. Halti war die Outdoor-Marke für das ganze Volk, deren Produkte Naturliebhabern, Pfadfindern und Jägern gleichermaßen vertraut waren. Das Sortiment umfasste Rucksäcke, Zelte, Schlafsäcke, Isomatten und Bekleidung. Das hauseigene, wasserdichte DrymaxX-Material war bereits eingeführt worden, und technische Outdoor-Bekleidung wurde für die Bedürfnisse heimischer Wanderer hergestellt. Die Bekleidungskollektion unterteilte sich in die für den städtischen Gebrauch konzipierten „City Outdoor“-Produkte und die technischeren „Pro Outdoor“-Produkte, die „freie Beweglichkeit“ ermöglichten.

Neue Anforderungen aus den Bergen
Im Jahr 1996 marschierte ein junger Mikko Routala mit klirrenden Karabinern in das Halti-Büro. Der Skilehrer, der für sein Alter schon viele Ecken der Welt bereist hatte, unterrichtete im Winter in Ylläs, verbrachte die Sommer jedoch auf der Suche nach Schnee in Neuseeland, wo auch der Funke für das Klettern übergesprungen war.
Ein Mitbewohner, der sich zum Bergführer ausbilden ließ, trainierte das Klettern an Griffen, die an der Wand eines örtlichen Sportgeschäfts befestigt waren. Routala hatte so etwas noch nie gesehen, also musste er den Sport ausprobieren. Nach seiner Rückkehr nach Finnland suchte er Anschluss an die lokale Kletterszene, und der Sport wurde schnell zu seiner neuen Leidenschaft.
Routala war in derselben Stadt aufgewachsen wie der damalige Halti-CEO Risto Salo. Das Geschäft „Salon Urheilupyörä“, das Ristos Vater Yrjö im Zentrum von Rovaniemi betrieb, war ein Halti-Kunde und für Mikko ein vertrauter Ort. Als für neue Abenteuer neue Ausrüstung benötigt wurde, war es nur natürlich, an Haltis Tür zu klopfen.
Von den Gletschermühlen (Hiidenkirnut) nach Bolivien
Routala studierte Geografie und Spanisch an der Universität Helsinki. Dieselben Fächer studierte auch sein Kletterkumpel Jani Lunnas. Einmal, beim Klettern an den Gletschermühlen von Rovaniemi, entstand die Idee: Man müsste mal „auf Spanisch klettern“. Wie wäre es, wenn man dorthin reisen würde, wo man seine Sprachkenntnisse tatsächlich anwenden könnte?
Als Reiseziel fiel die Wahl auf Südamerika, und im Sommer 1996 brachen die Jungs für einen Monat nach Peru und Bolivien auf – mit Halti-Ausrüstung im Gepäck. Über die Reise wurde ein Beitrag für das MTV3-Programm „Monomeno“ gedreht, das für Routala zu einem mehrjährigen Projekt werden sollte.
„Monomeno“ war ursprünglich ein auf Skifahren ausgerichtetes Magazinformat, aber als die Sendung auch in der Sommersaison produziert werden sollte, gesellten sich zum Skifahren Wandern, Mountainbiken, Felsklettern und andere Outdoor-Sportarten. Routala, der vielseitig sportlich aktiv und schlagfertig war, eignete sich hervorragend als Moderator der Sendung. Zusammen mit Kikka Pohjaväre entführte er die Zuschauer sowohl in die heimische Natur als auch in die weite Welt.
Das Programm spielte auch eine wichtige Rolle bei der Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen Halti und Routala. Für Routala bot es die Möglichkeit, Abenteuer zu verwirklichen, für die er Sponsoren benötigte. Halti wiederum brachte es landesweite Sichtbarkeit und führte die Produkte zusammen mit einer neuen Art von Nutzern in neue Umgebungen.
„Da trafen viele Interessen aufeinander, und eigentlich konnten wir diese Reisen nur dank dessen überhaupt antreten.“
Die Abenteuer blieben nicht nur auf das Fernsehen beschränkt. Aus den Reisen entstanden auch Artikel für die Zeitung „Helsingin Sanomat“ und das Skimagazin „Skimbaaja“.

Wenn Details zählen
Durch die Reisen gerieten die Halti-Produkte in Situationen und Bedingungen, in denen ihre Funktionalität nicht mehr nur ein Marketingversprechen oder eine am Zeichentisch erdachte Eigenschaft war. Die Ausrüstung musste funktionieren, und selbst das kleinste Detail konnte von großer Bedeutung sein.
Routala erinnert sich an eine Hose von der Bolivien-Reise, die beim Klettern riss, als der Zacken des linken Steigeisens das rechte Hosenbein traf. Diese Hose war natürlich auch nicht für die Verwendung mit Steigeisen konzipiert worden.
Von einer anderen Reise blieb ein ansonsten für seinen Zweck hervorragend geeigneter Schuh mit steifer Sohle in Erinnerung, dessen oberste Schnürsenkel-Ösen Metallhaken hatten. An der Kletterwand scheuerten die Haken am Fels und verbogen sich gerade, wonach sich der Schuh nicht mehr richtig schnüren ließ.
Kleinigkeiten, aber in den Bergen von entscheidender Bedeutung.
Die Beobachtungen wurden notiert und nach den Reisen mit Halti besprochen. Beispielsweise begann man, die Innenseiten der Hosenbeine mit Kevlar zu verstärken, damit sie den Zacken der Steigeisen, Skikanten und anderer starker Abnutzung besser standhielten.
Der Produktmanager bezog in die Feedback-Meetings auch die Designer der Produkte und andere Personen mit ein, die konkret an ihnen arbeiteten.
„Die Feedback-Gespräche nach den Reisen waren sehr fruchtbar. Wir konnten direkt und konkret sagen, was funktionierte, was nicht – und warum. Es war auch für uns sehr schön zu sehen, dass unser Feedback dann bei der Entwicklung der Kleidung wirklich von Nutzen war.“
Und das Feedback spiegelte sich in den Produkten durch neue Eigenschaften und Materialien wider. Gleichzeitig wurden die Kletterer zu einer neuen Zielgruppe für Halti.

Haltbarere, leichtere Produkte
In den Jahren 1997–1999 reiste Routala mit seinem Team dreimal zum kalifornischen Yosemite, einem der berühmtesten Big-Wall-Kletterziele der Welt. Bei den Abenteuern waren in wechselnden Besetzungen unter anderem Marko „Magis“ Wallin und Tuomas Kaario dabei.
Der Yosemite-Nationalpark war das Mekka der internationalen Kletterkultur. Sein Wahrzeichen, der El Capitan, eine fast einen Kilometer hohe, senkrechte Granitwand, war eine der legendären Bühnen für das Big-Wall-Klettern. Der Aufstieg konnte Tage dauern, wobei die Kletterer Essen, Wasser und Ausrüstung in der Wand mit sich führten und auf einer an der Felswand hängenden Portaledge übernachteten.
Unter solchen Bedingungen wurde auch der Ausrüstung mehr abverlangt. Sie musste extremer Beanspruchung standhalten, vor dem Wetter schützen und gleichzeitig so leicht und bewegungsfreundlich wie möglich sein.
Routala und die anderen Kletterer legten die Messlatte für die Produkte hoch.
„Halti war zuvor auf die finnischen Wälder und das Bewegen in der Natur ausgerichtet gewesen. Und dann kamen wir daher, klimperten mit allerlei Zeug und Ausrüstung und führten uns auf wie so Extreme-Dudes.“
Diese neuartigen Nutzer brachten neuartige Anforderungen mit sich. Etwa zur gleichen Zeit arbeitete Halti auch mit Abenteuersportlern und anderen Extremsportlern zusammen. Die Ausübenden der verschiedenen Sportarten betrachteten die Produkte aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln, aber laut Routala war die Richtung der Entwicklung gemeinsam: Man wollte langlebigere, leichtere, atmungsaktivere und praktischere Produkte.

Grade VII entsteht aus der Welt der Kletterer
Einer derjenigen, der einen wertvollen Beitrag zur Produktentwicklung leistete, war der Kletterer und Abenteurer Pata Degerman, der damals eine Expedition nach Grönland plante, um eine große, zuvor unbestiegene Wand zu klettern.
Routala erinnert sich an ein gemeinsames Produktentwicklungs-Meeting bei Halti, in dem sich das Gespräch auf die beim technischen Klettern verwendete „Grade“-Klassifizierung und deren anspruchsvollstes Ende drehte. Nach Routalas Erinnerung warf Degerman die Idee in den Raum, die Produkte mit dem Namenszusatz „Grade VII“ zu benennen. Dies beschrieb sehr treffend das Extrem, das der zukünftigen Expedition und ihrer Ausrüstung abverlangt wurde.
Der Name blieb bestehen.
Die ersten Grade VII-Produkte kamen mit Degerman in Grönland zum Einsatz. Routala wiederum erinnert sich, die ersten Prototypen am Stora Blåmannen in der Nähe von Tromsø in Norwegen getestet zu haben.

Die schärfste Spitze der technischen Kollektion
Grade VII wurde zur technischen Speerspitze von Haltis Outdoor-Kollektion. Das Label hob Produkte hervor, bei denen Technik und Leistungsfähigkeit auf die Spitze getrieben worden waren.
Das Sortiment umfasste unter anderem eine dreilagige technische Hardshell-Jacke, eine leichtere Shell-Jacke sowie für anspruchsvollen Einsatz konzipierte Hosen. Die von den Kletterern gewonnenen Erfahrungen zeigten sich in den Details der Produkte. Die Hosenbeine wurden verstärkt, um Treffern durch Steigeisen standzuhalten. Die Jacken wurden mit schützenden Kapuzen ausgestattet, die auch mit Helmen funktionierten, und die Bewegungsfreiheit wurde durch den „Angel Wings“-Ärmelschnitt verbessert. Die Taschen wiederum wurden höher angesetzt, damit sie auch beim Tragen eines Klettergurts zugänglich blieben.
Der Name Grade VII war gleichzeitig eine kleine Insider-Botschaft. Seine Bedeutung erschloss sich am besten denjenigen, die die Welt des Big-Wall-Kletterns kannten. Im Mund des Halti-Verkaufsteams nahm der Name bald eine vertrautere Form an: „gradevii“.
Die Bedeutung des Projekts war jedoch größer als sein Name. Es kommunizierte die Art und Weise, wie die Produkte entwickelt wurden. Kletterer und andere Menschen, die sich in anspruchsvollen Umgebungen bewegten, waren nicht nur Nutzer der Produkte oder Marketinggesichter, sondern Teil der Produktentwicklung.
Aus den Bergen wurde mehr als nur Bilder und Geschichten zurückgebracht.
Von der Furchtlosigkeit zum Lawinen-Pastor
In drei Jahrzehnten haben sich sowohl die Ausrüstung als auch Routalas eigene Einstellung zu den Bergen verändert. Auf den Bildern aus den 1990er Jahren wirkt der junge Kletterer furchtlos.
„Ich hatte vor nichts Angst. Ich war geradezu tollkühn.“
Im Yosemite geriet Routala einmal in eine Situation, bei der es ihn heute noch schaudert. Er seilte sich am El Capitan in etwa 200 Metern Höhe zum nächsten, seitlich gelegenen Anker ab, als er bemerkte, dass nur noch etwa ein Meter Seil übrig war. Am Ende des Seils befand sich kein Sicherungsknoten. Wäre das Seil mitten beim Abseilen zu Ende gegangen, wäre ein Absturz die Folge gewesen.
„Angst ist letztendlich eine ziemlich gesunde Sache. Sie hilft dabei, am Leben zu bleiben.“
Routala ist jedoch stolz auf das, was er in seiner Jugend tun durfte. Die Erlebnisse waren einzigartig, und er bereut sie nicht, aber mit seinem heutigen Wissen würde er viele Dinge anders, oder zumindest sicherer machen.
Heute geht Routala Fliegenfischen, wandert und fährt Gravelbike. Er bewegt sich immer noch in den Bergen, aber ohne große Risiken. Er hat sich auf Lawinensicherheit spezialisiert, studiert Schneewissenschaften und schult andere darin, sich sicherer im Backcountry zu bewegen. Der Spitzname ‚Lawinen-Pastor‘ (vyörypastori), den ihm Jussi Ovaskainen gab, beschreibt den heutigen Routala treffend.
„Ich denke, dass ich mit dieser Arbeit dem Universum ein wenig dafür zurückzahle, dass ich selbst all diese Situationen überlebt habe. Wenn ich mit meinen eigenen Erfahrungen jemandem helfen kann, sich sicherer in den Bergen zu bewegen, dann hat das eine Bedeutung.“

FAKT: Was bedeutet Grade VII beim Klettern?
Im amerikanischen NCCS-System (National Climbing Classification System) beschreibt der „Grade“ bzw. „Commitment Grade“ den Zeitaufwand und die Ernsthaftigkeit (Commitment), die die gesamte Kletterroute erfordert – nicht die technische Schwierigkeit einzelner Kletterzüge.
Am anspruchsvollsten Ende der Skala erfordert Grade V typischerweise eine Übernachtung auf der Route, und Grade VI erfordert mindestens zwei Tage anspruchsvolles technisches Klettern. Grade VII steht für extrem bindende Big-Wall-Aufstiege in abgelegenen Bergen.
Die NCCS-Klassifizierung ist immer noch in Gebrauch, obwohl sie heutzutage seltener verwendet wird als früher. Mit der Weiterentwicklung des Kletterns und der Ausrüstung können Routen, die früher Tage in Anspruch nahmen, deutlich schneller geklettert werden, weshalb eine zeitbasierte Klassifizierung die Anforderungen einer Route nicht immer auf die gleiche Weise beschreibt wie früher.



















